"Stolz auf das Erreichte": Heike Geng verabschiedet sich nach 35 Jahren in den Ruhestand
Heike Geng gehört zu den Frauen der ersten Stunde beim ASB Leipzig. Unsere Leiterin der ASB-Sozialstation Leipzig steht seit 35 Jahren für die ambulante Pflege in unserem Verband und verabschiedet sich nun in den wohlverdienten Ruhestand. "Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe und blicke zufrieden zurück." sagt sie. Wir hatten Gelegenheit, mit ihr ein persönliches Gespräch zu führen.
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Lesen Sie hier das Gespräch:
Liebe Frau Geng, Sie werden nun in wenigen Tagen ihren letzten Arbeitstag beim ASB Leipzig haben. Können Sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag vor fast 35 Jahren erinnern?
Ja natürlich. Der erste Arbeitstag fand im damaligen ASB-Büro in der Riebeckstraße im Leipziger Osten statt. Der ASB hatte sich dort in eine Wohnung eingemietet und die erste Nachricht an mich lautete: „Wir ziehen um.“
Damals hatten wir noch keine Autos für die ambulante Pflege, und so sind wir tatsächlich zu Fuß zu unseren Patienten gelaufen. Ich fühle heute noch, wie mir nach dem ersten Arbeitstag die Füße brannten. Das erste Auto der Sozialstation war dann ein Ford Fiesta – ohne Radio und die Fensterscheiben musste man per Hand kurbeln. Der wurde allerdings nur in der Spätschicht eingesetzt, da man dann bis Meusdorf fahren musste.
Dann zogen wir in ein Büro im Altersheim „Andersen Nexö“ in Stötteritz um. Ich lernte alle Patienten kennen und los ging es. Bei den Besuchen in der Häuslichkeit mussten wir auch Kohle aus dem Keller holen und das Wasser erst warm heizen, damit wir die Patienten pflegen konnten. Auch an die Außen-WC’s in den Häusern kann ich mich noch gut erinnern. Zu Beginn waren wir nur 8 bis 10 Mitarbeiter, wurden aber von einigen Zivildienstleistenden unterstützt.
Und wie hat sich die ambulante Pflege dann weiter entwickelt?
Die Fahrzeuge haben sich auf jeden Fall im Laufe der Jahre zu bequemen Arbeitsmitteln entwickelt. In den 1990er Jahren gab es sehr wenige Hilfsmittel, die man ambulant einsetzen konnte. Das erste Pflegebett für Zuhause war dann schon fast eine Sensation. Aber was gestern und heute für mich immer noch faszinierend ist, sind die Lebensgeschichten der Patienten. Ich erinnere mich an einzelne Personen noch ganz genau. Zum Beispiel hat bei einem älteren Herrn, den ich betreute, die Tochter immer für uns beide Mittagessen gekocht und es gab immer Kartoffeln mit Lachs und Schwarzwurzeln. Und dabei hat er mir seine bewegte Lebensgeschichte erzählt.
Wenn Sie einmal über all die vielen Jahre „schweben“, was hat sich am meisten verändert?
Unser ASB-Verband hat sich sehr verändert, ist immer größer geworden – sowohl die Zahl der Mitarbeiter als auch die Mitglieder. Als Leiterin muss ich sagen, dass auch die Bürokratie, die Verwaltung und die gesetzlichen Anforderungen enorm gestiegen sind. Aber auch die Ansprüche der Patienten und Angehörigen sind größer, individueller geworden.
Heute ist die Pflege eine Dienstleistung. Das hat bei allen Beteiligten zu einem Umdenken geführt. Oft sind die Familien nicht mehr an einem Ort zusammen. Und wir müssen immer mehr auf Personaleinsatz, Tourenplanung und Wirtschaftlichkeit achten. Der „Druck“ ist für alle spürbar größer. Als Krankenschwester bin ich damals zufriedener nach Dienstschluss nach Hause gegangen - als manchmal heute als Chefin nach einem Arbeitstag im Büro.
Und was war der „schöne ASB-Moment“ für Sie?
Oh, die Auswahl ist nicht leicht. Da gab es viele persönliche Momente und Geschichten mit Kolleginnen und Kollegen, aber natürlich auch mit unseren Klienten und ihren Angehörigen. Aber im Moment fällt mir ein: Beim ASB wurde auch immer gut gefeiert! Ob es die 100-Jahr-Feiern in Berlin und Hamburg waren oder die Verleihung des QM-Preises, den wir als Sozialstation im Jahr 2011 vom ASB-Bundesverband erhielten. Das bleibt mir auf jeden Fall auch in bester Erinnerung.
Wenn man so lange auch in Leitungsfunktion tätig war, gab es sicher auch schwierige Momente oder Entscheidungen?
Ich kann Ihnen sofort sagen, was ich nicht vermissen werden: Die Mitarbeiter aus dem FREI zu holen! Das war mir immer sehr unangenehm. Mir war wichtig einen wertschätzenden Umgang und ein Miteinander auf Augenhöhe zu pflegen. Ein DANKE im Alltag war für mich sowieso selbstverständlich, aber auch die Möglichkeit, das Team selbst entscheiden und organisieren zu lassen. Ein Geben und Nehmen ist wichtig. Ich habe immer Hochachtung vor meinem Team gehabt, habe versucht, alle Menschen so zu nehmen wie sie sind und eher die Stärken und Potenziale zu sehen, als die Schwächen.
Die Mitarbeiter waren immer das Wichtigste für mich. Ohne sie geht es nicht, vieles kann man sonst nicht erreichen. Ich war immer offen für neue Ideen, habe sie mir angehört und geprüft, was sinnvoll und machbar ist. Mein Motto war und ist: „Das Glas ist halbvoll!“
Liebe Frau Geng, wenn Sie sich jetzt verdientermaßen zurücklehnen … Was bleibt als Gefühl? Was kommt, worauf freuen Sie sich?
Ich bin ja vom Typ her eher ein leiser Mensch, aber jetzt kann ich für mich ganz laut sagen: Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe und blicke zufrieden zurück. Ich bin jetzt 63 Jahre alt, habe mehr als die Hälfte meines Lebens beim ASB gearbeitet – ein „halbes“ Lebenswerk. Meine Kolleginnen und Kollegen werden mir fehlen – diese bunte Mischung aus verschiedenen Charakteren.
Worauf freue ich mich? Auf jeden Fall auf mehr Zeit mit der Familie, gemeinsame Zeit mit meiner Tochter und den zwei Enkelkindern, auf Reisen und den gemeinsamen Kleingarten mit meiner Schwester – und ich möchte mir das Seniorenstudium zum Thema Geschichte gönnen. Es wird also nicht langweilig.
Junge Menschen in der Ausbildung sind unsere Zukunft in der Branche. Wir haben bei uns in der Sozialstation immer versucht, unsere Werte zu vermitteln, waren immer ansprechbar – für alle Fragen und Probleme der Auszubildenden. Basis unseres Anspruchs war die Frage: „Wie möchtest du selbst mal im Alter gepflegt werden?“ – und so gehen wir heute mit unseren Klienten um. Das ist unsere Einstellung und unser Anspruch an unseren Beruf. Und wichtig: Auch immer gut auf sich selbst als Pflegekraft achten.
Vielen Dank, liebe Frau Geng, für das persönliche Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für den nun kommenden Lebensabschnitt. Bleiben Sie gesund und dem ASB gewogen.
"Die Mitarbeiter waren immer das Wichtigste für mich. Ohne sie geht es nicht. Und ich war immer offen für neue Ideen. Mein Motto war und ist: „Das Glas ist halbvoll!“
Heike Geng
Pflegedienstleiterin, ASB-Sozialstation Leipzig
